Anatol Rapoport: Die Abstraktionsleiter

Der wahrgenommene Gegenstand ist die erste Abstraktionsebene. Namen von Klassen von Gegenständen, Eigenschaften, die Klassen definieren, Verallgemeinerungen, Theorien und so weiter stehen auf zunehmend höheren Abstraktionsebenen.

Laurent Verycken: Moral

Die Objektivität der Tatsachen ist das Prinzip autoritärer Moralvorstellungen.

Objektive Sätze beruhen aber nicht auf sicherem Wissen, sondern auf ideologischem Glauben an ihre Wirklichkeit. Das bloß aus Abstraktionen bestehende Wissen ist nur verworrene undeutliche Erkenntnis. Wenn es aber kein allgemeingültiges Wissen gibt, wie kann es da eine allgemeingültige Moral geben?

Philosophisches Wörterbuch I, Seite 365:

"'Ähnlichkeit' wird fälschlich für Gleichheit gehalten. Es gibt keine gleichen Fälle in der Wirklichkeit. Wir hätten keine Begriffe bilden können, wenn wir in Urzeiten Ähnlichkeit nicht für Gleichheit genommen hätten; und wir könnten die Begriffe nicht anwenden, wenn wir nicht ähnliche Wahrnehmungen für gleiche Wahrnehmungen halten würden."

 

1. Zur Abstraktion

2. Zum Sehen

3. Zur Abstraktion in der Kunst

Im folgenden gebe ich einige meiner Gedanken wieder, die ich mir zu meiner Fotografie und der Kunst im allgemeinen gemacht habe. Zunächst möchte ich mich mit dem Thema der Abstraktion befassen.

1. Was ist und soll Abstraktion? Meine Bilder werden allgemein als abstrakt bezeichnet, was wohl soviel heißen soll, wie nicht gegenständlich, nicht Reales abbildend, verfremdet etc.

Häufig gestellte Frage ist demzufolge, `Was ist das ?`, `Was stellt das da ?`.... Diese Verwirrung denn darum handelt es sich meistens ist umso größer, da, es sich bei meinen Bildern wie ich nach drängenden Fragen nachgebend erkläre nicht um abfotografierte Gemälde oder um digital bearbeitete Fotos handelt, sondern eben um Fotografien, die meistens `so` im Fotoapparat entstanden sind, wenn auch unter zuhilfenahme verschiedener Kunstgriffe.

Aber wozu das Ganze? Um mich der Frage anzunähern, möchte ich mich erst zur Bedeutung von "Abstraktion" (so wie ich sie sehe) äußern:

Das allgemeine Vorurteil über "Abstraktion" beinhaltet, das es sich hierbei um eine Verallgemeinerung des Realen, von real existierenden Gegenstandswelten handelt, die im Gegensatz zu der real vorhandenen zu beschreibenden, abzubildenden Welt steht. Dies ist aber nicht der Fall!

Am Beispiel unserer Sprache, die ja auch nur eine Abbildung (und Orientierung in) der Welt versucht, wird klar, das uns bestenfalls eine gewisse Annäherung gelingt. Sprache ist immer subjekiv und kulturell bestimmt, Wahrnehmung ist immer individuell erlernt.

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2. Aber ist das was wir sehen nicht doch real vorhanden und kann Fotografie die Realität abbilden? Ist es denn nicht richtig, daß die Fotografie ein objektives Bild von der Welt schafft?

Letzteres ist ein verbreiteter, wenn auch verständlicher Irrtum, wird hier doch ein technischer Apparat (Kamera) eingesetzt, der mit dem Aufbau unseres Auges doch zumindest verwandt ist. Doch selbst wenn man unterschlägt, daß beide Apparate sich in vielen Bereichen deutlich unterscheiden (z.B.:Auge mit Festbrennweite Kamera von extremen "Fischauge" bis hin zu Weltraumteleskopen, unterschiedliche Belichtungszeiten, unterschiedlich lichtempfindliche Rezeptoren, die bei der Kamera auch für das Auge unsichtbares Licht empfindlich sind) so besteht das dem zugrundeliegende Mißverständnis darin, das wir glauben, das unsere Sinne uns ein reales Abbild von der Welt verschaffen könnten. Sehen, z.b., wird aber genauso wie Sprache auch kulturell erlernt, unser Gehirn ordnet die von den Sinnen empfangene Reizflut und entwirft ein Bild von der Welt. Sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken ist eine Abstraktion, und dazu eine höchst individuelle, bei jedem Menschen, jedem Tier, jeder Mikrobe verschieden. Es gibt also viele Wirklichkeitswelten und wenn schon unser Wahrnehmen abstrakt ist, so trifft dies natürlich erst recht auf alle Formen der Kunst zu. Sicher, es gibt hier einen unterschiedlichen Grad der Abstraktion, Verfremdung oder ähnliches festzustellen, aber nur, wenn wir uns auf eine für uns eigentlich nicht fassbare objektive Welt beziehen.

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3. Wie kommen wir da noch zu einem sinnvollen Gebrauch der Kategorie "Abstrakt" in der bildenden Kunst?

Wie ich schon aufgezeigt habe, ist alles sinnliches wahrnehmen, alle künstlerische Reproduktion eine Interpretation von Welt, und daher abstrahierte Welt. Von im üblichen Sinne abstrakter Kunst könnten wir sprechen, wenn in einem Werk, einem Bild, Dinge in einer ART dargestellt werden, die kaum dem Erfahrenshintergrund, nicht der Alltagswelt des allgemeinen Betrachters entsprechen, so, das ihm ein Erkennen, ein Wiedererkennen seiner erlebten Welt nicht möglich, oder zumindest erschwert ist, oder nur über eine Interpretation die er entweder selbst leistet, oder zu der er von entsprechenden Schriften/Medien angeleitet wird möglich ist.

Folglich, ist der Raum, die Welt, die in einem abstraktem Werk dargestellt wird, nicht Teil der erfahrenen Welt des Konsumenten. Vielmehr kann das Werk Ausdruck einer individuellen Erlebniswelt des Künstlers, einer fremden Position im Weltgefüge sein, aus der sich ein andersartiges Erleben der Welt ergibt und vermittelbar wird.

Daraus ergibt sich für mich eine der Aufgaben für die Kunst. Kunst kann nur Sinn haben, wenn Sie uns im unseren Begreifen und Verstehen von Welt weiterbringt, sie, vielleicht auch, das Menschliche erweitert. Existentiell um dies zu erreichen ist, das es dem Künstler gelingt, Welt zu erfragen, das Erfahrungsfeld zu erweitern und anders zu abstrahieren.

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